Dr. Bernd Hufnagl
Wie beeinflussen Existenzängste (wie durch die Wirtschaftskrise) unsere Stressbelastbarkeit?
Existenzangst ist nach Partner- oder Kindverlust der „Akut-Stressor“ Nummer zwei.
Unter akuter Stressbelastung sinkt die allgemeine psychische und physische Belastbarkeit. Besonders dramatisch wird die gesundheitliche Belastung, wenn dieser Zustand länger dauert: Wir sprechen dann von chronisch unkontrolliertem Stress, der durch Angst, Wut und Verzweiflung aufrechterhalten wird. Eine Daueraktivierung des „Alarmsystems“ wird bei dem einen früher, beim anderen später gesundheitliche Folgen haben.
Bei welchen Symptomen sollte man einen Arzt oder Psychotherapeuten aufsuchen? (Stichwort Burnout, Angststörung, Panik)
Wenn auf einmal starkes Herzklopfen, Herzstechen, Schweißausbrüche oder das Gefühl, dass sich der Hals zuschnürt, auftreten, ohne dass es einen äußerlich nachvollziehbaren Anlass gibt, sollten Sie einen Fachmann aufsuchen. Je früher, desto besser, um die Manifestation solcher Symptome einer Angst- Panikstörung nach Möglichkeit zu verhindern. Neben dem diagnostischen psychotherapeutischen Gespräch bietet sich auch eine EKG-Analyse an, um den Belastungszustand des Nervensystems zu überprüfen.
Wie kann man verhindern, dass Ängste gesundheitsgefährdend werden?
Hier müssen wir eine Unterscheidung zwischen Körper und Psyche treffen: Körperlich gesehen belasten Ängste dauerhaft unser Nervensystem und führen zu einem chronischen Belastungszustand, unabhängig von tatsächlichen Herausforderungen, der schwer wieder in Balance zu bringen ist. Andererseits bringt der Kontrollverlust über die persönliche Befindlichkeit Betroffene an die Grenzen ihrer seelischen Belastbarkeit. Je früher Betroffene einsehen können, dass Angst- Panikstörungen kein „Spleen“ sind und professioneller Hilfe bedürfen, desto besser sind Heilungschancen und Verlauf. Dabei sollte Folgendes hervorgehoben werden: Besonders negativ wirken sich Versuche der Eigensubstitution durch beruhigende Medikamente und Alkohol aus. Das führt meist zusätzlich zum Sekundärsymptom der Abhängigkeit.
Was kann ich aus einer Stressdiagnostik ableiten?
Im Zuge eines Stress-EKGs können wir die Gesamtbelastung (psychisch und physisch) durch Bestimmung der sogenannten Herzratenvariabilität (HRV) sichtbar machen. Von großem Interesse ist die Funktion der zugrundeliegenden neurovegetativen Regulation, dessen wichtige Rolle die Balancierung zwischen Leistung (sympathisches Nervensystem) und Regeneration (parasympathisches Nervensystem) darstellt.
Die HRV beruht auf einem optimalen Zusammenspiel von sympathischem und parasympathischem Nervensystem. Dabei löst das sympathische Nervensystem typische „Kampf- und Fluchtreaktionen“ aus (Energiebereitstellung, Beschleunigung von Herzschlag und Atmung, Verengung von Blutgefäßen, Blutumverteilung, Schwitzen), während das parasympathische Nervensystem „Erholungsreaktionen“ anregt (Energiespeicherung, Schlaf, Verdauung, bessere Durchblutung von Haut und inneren Organen). Wenn ein System „hochfährt“, „fährt das andere runter“.
Gesund ist ein Gleichgewicht (Homöostase, Balance) zwischen den beiden regulatorischen Systemen. Diese Balance und die Aktivierbarkeit des Parasympatikus wird im Zuge der Stressdiagnostik ermittelt. Als Konsequenz werden, je nach Einschränkung der parasympathischen Aktivität, Therapien, Coachings, Biofeedbacktrainings, vermehrte körperliche Aktivität und Entspannungstechniken vorgeschlagen.